Leseprobe - Cinderél


Kapitel 1 Lee Daniel Baker

 

Ein zärtlicher Windhauch streifte mein Haar, das Gesicht und meine Augen. Es fühlte sich warm und sanft an, als würde ich im weichen Gras liegen, in den Himmel schauen und gedankenverloren den Frühling genießen. Ich liebte das Erwachen der Natur, wenn der Winter endlich weiterzog und die grauen, trostlosen Tage mit Sonnenschein gefüllt wurden. Ich zog die Bettdecke höher und vergrub mich in meinem Kissen. Die Gedanken an den Frühling ließen mich nicht los. Die Brise wurde stärker, blies mir nun unangenehm kühl in den Nacken und ich stöhnte genervt auf.

»Na, endlich bist du aufgewacht, Dornröschen. Meine Güte, hast du einen festen Schlaf«, trällerte eine Stimme. »Nun steh auf, hübscher Mann. Wir haben heute einiges zu tun – schon vergessen?«

Langsam drehte ich mich um und erblickte Anna – Victoria Annabelle Johnson –, meine beste Freundin und mein Fels in der Brandung. Ihre Augen strahlten kastanienbraun und die Haare hingen rabenschwarz über mir und kitzelten auf meiner Haut. Die blutroten Lippen waren zu einem Schmollmund verzogen. Irgendwie wirkte ihre Miene heute leicht gereizt. Versuchte sie gerade mir etwas mitzuteilen? Mal wieder verstand ich nichts, denn ihre Schönheit hatte mich gefangen genommen. Die feinen Gesichtszüge, ihre strahlend rosafarbene Haut und ihr Lächeln ... aber wo war ihr Lächeln heute? Gedankenverloren sah ich sie an und erforschte ihr Gesicht. Das Einzige, was mich an diesem makellosen Antlitz störte und überhaupt nicht harmonierte, war ein kleiner Silberring, der bei jedem Wort hin und her schaukelte und sich durch ihre Unterlippe zog. So ein hübsches Mädchen und dann das! Ich habe es nie verstanden, warum man sich solchen Schmerzen aussetzt, um sein Gesicht zu verunstalten. Aber gut, es war ganz allein ihre Sache, was sie mir auch ständig unter die Nase rieb.

»Hey, guten Morgen! Was machst du so früh hier?« Mit einem lauten Gähnen setzte ich mich auf und sah mich verschlafen im Zimmer um.

Die Sonne schimmerte durchs Fenster und das, obwohl die Vorhänge fest verschlossen waren. Notiz an mich: Neue Rollos für den hoffentlich bald bevorstehenden Frühling kaufen! Ich ließ mich zurück ins Bett fallen, als Anna das Fenster öffnete und die eisige Luft hereinließ. Ich hatte die kalte Jahreszeit jetzt schon so satt und wünschte mir sehnlichst den Frühling herbei. Doch der Wunsch war aussichtslos, denn der Winter nahm gerade erst Fahrt auf. Ich verabscheute dieses Wetter. Es war kalt und der Zwiebellook, in den man sich zwängen musste, um vor die Tür zu treten, nervte mich. Mütze, Schal, Handschuhe und eine Daunenjacke – ich kam mir wie ein Eskimo vor. Ich war kaum in der Lage, mich damit zu bewegen, mal davon abgesehen, dass ich darin furchtbar aussah.

»Wir haben Granny heute versprochen, ihr auf dem Weihnachtsmarkt zu helfen. Bitte sag mir nicht, du hast es vergessen! Das würde sie in ein tiefes, schwarzes Loch ziehen – wenn nicht gar in den Tod!«

»Victoria Annabelle Johnson!«

»Ja, schon gut. Vielleicht übertreibe ich ein wenig. Aber du weißt, wie Granny ist. Und nach wie vor bin ich der Meinung, dass sie einen verhexen kann.«

»Ach, Blödsinn! Meine Grandma ist allenfalls ein wenig verrückt und theatralisch, aber hexen kann sie definitiv nicht. Niemand kann übrigens zaubern, das weißt du, oder?!« Mit stöhnenden Bewegungen setzte ich mich auf und sah meiner Freundin ins Gesicht, die nach wie vor der Meinung zu sein schien, dass es Hexen gab.

»Jetzt steh auf! Wir wollen los!«, wiegelte Anna mit einer verächtlichen Handbewegung ab.

Das mickrige Frühstück, das meine Mom für mich zubereitet hatte, stand auf dem Esstisch. Orangensaft, der merkwürdig schimmerte, labbriger Toast und ein paar Eier, die als solche kaum noch erkennbar waren, veranlassten mich, einen Bogen einzuschlagen, um an den Kühlschrank zu gelangen. Mom hatte das Haus längst verlassen. Ihr Job: den Reichen und Schönen ihren Dreck wegzuräumen. Ja, sie war eine Putzfrau und ich war unglaublich stolz auf sie. Doch nicht nur das:  Sie hatte sich hochgearbeitet, war sogar für das Personal in einem der vielen Haushalte zuständig. Als mein Vater uns verlassen hatte und wenig später starb, blieb ihr nichts anderes übrig als von jetzt auf gleich für unseren Unterhalt zu sorgen. Tag ein, Tag aus verbrachte sie die Zeit in den schicken Villen der Neureichen, putzte und bespaßte teilweise die verwöhnten reichen Kids. Immer öfter übernahm sie weitere Tätigkeiten. Die gemeinsame Zeit, die wir früher miteinander verbracht hatten, wurde deutlich weniger, was mich traurig stimmte. Doch es gab keine andere Möglichkeit und ich war dankbar für jede freie Minute, um mit ihr gemeinsam etwas zu unternehmen. Außerdem versuchte ich, so gut, wie es eben ging, sie neben der Schule und den Hausaufgaben zu unterstützen. Denn eins wurde mir schnell bewusst: Ohne meine Mom und ohne die Hilfe meinerseits würde der Traum, an einer renommierten Uni zu studieren, unmöglich. Daher hatte ich bereits ordentlich Geld erarbeitet, damit ich die Prüfungszeit in der High School, die nach den Weihnachtsferien begann, ohne Jobs meistern konnte. Im Spätsommer wäre ich dann fertig. Endlich! Ich sehnte mich danach, die Kleinstadt Duluth zu verlassen, wollte hinaus in die große, weite Welt. Die Zusage für einen Platz an der Boston University hatte ich längst erhalten und ich freute mich sehr auf das neue Leben, das vor mir lag. Notiz an mich: Studium schnell beenden, einen gut bezahlten Job finden, um meine Mutter aus der Sklaverei der Reichen zu befreien!

»Möchtest du?« Mit einem schiefen Lächeln bot ich Anna etwas von dem, na ja, nennen wir es weiterhin Frühstück, an. Doch sie lehnte mit angewiderten Blicken dankend ab.

Meine beste Freundin hatte Glück. Bei ihr zu Hause gab es genau das Familienleben, das ich mir immer gewünscht hatte: sieben Brüder, eine liebevolle Mom und ein cooler Dad. Eine Großfamilie, wie sie im Buche stand – laut und chaotisch, Gewusel an jeder Ecke und doch waren alle herzlich und immer füreinander da. Ihr Haus lag nur einige Straßen entfernt und durch die nahe gelegene Schule hatten Anna und ich zueinandergefunden. Mittlerweile verbrachten wir jede freie Minute zusammen und das nun schon seit elf Jahren. Familie Johnson hatte mich wie einen eigenen Sohn aufgenommen und mir nach kürzester Zeit den Spitznamen Cinderella verliehen. Warum ihnen genau dieser Name eingefallen war, ist mir noch immer ein Rätsel und ehrlicherweise hatte ich nie nachgefragt. Ich gewöhnte mich daran und beließ es einfach dabei. Anna hingegen zog es vor, mich mit meinem richtigen Namen, Lee, anzusprechen, wofür ich ihr sehr dankbar war. Nicht auszudenken, wenn sie sich dem angeschlossen und diesen in der Schule benutzt hätte.

»Ich bin bereit – fertig, in die eisige Hölle hinauszutreten!«

»Ach, komm schon, Lee. Ja, es liegt Schnee und ja, es ist kalt. Aber übertreibst du nicht ein wenig?!« Anna rollte mit den Augen, als sie mich von oben bis unten musterte.

Es leuchtete ihr eine bunt gestreifte Mütze und ein langer Schal in dem gleichen Muster entgegen. Eine Daunenjacke, die mich ganz sicher nicht frieren lassen würde, verbarg meinen sonst so durchtrainierten Körper, was wirklich schade war, wie ich fand. Sie kniff abwehrend die Augen zusammen, weil ich näher an sie herantrat, und die Neonfarben der Accessoires anscheinend so grell auf sie wirkten, dass Anna sich von mir abwenden musste. Ein sehr auffallender Kontrast zu meiner schwarzen Jacke. Ja, ich gab es offen zu und es brachte genau das zum Vorschein, was ... ja, was eigentlich? Mit nachdenklichen Blicken wandte ich mich dem großen Spiegel im Flur zu, schaute hinein und ... Ich sah einfach nur lächerlich aus. Doch draußen zu erfrieren war keine Option!

»Lass uns los!«, knurrte ich und öffnete die Tür.

Was ich jetzt sah, kam dem Winter-Wonderland ziemlich nahe. Der Schnee, der sich über Nacht verdoppelt hatte, lag unberührt vor mir. Die Häuser der Nachbarn waren ganz in Weiß gehüllt und man sah deutlich, dass die Dächer unter der schweren Last ächzten. Vereinzelt blitzten die bunten Lichter der aufgestellten Weihnachtsmänner hervor, was äußerst bizarr wirkte. Meine Gedanken drifteten ab, denn die Vorstellung daran, dass diese im Dunkeln aufleuchteten und nur die rot glühenden Augen hervorstachen, ließen mich frösteln. Das wäre tatsächlich mehr als gruselig.

»Jetzt komm schon, Lee.« Anna zog mich unsanft am Arm mit sich. »Was ist denn heute mit dir los? Ständig bist du in deine Gedanken versunken. Verschweigst du mir etwas?« Sie blieb abrupt stehen und stemmte ihre Hände in die Hüfte. »Ein Mädchen. Oh mein Gott! Sag schon, ist es Katharina, Elle oder doch die kleine Marie?«

Anna und ich waren kein Liebespaar. Zugegeben, wir hatten es versucht. Wir küssten uns mehrmals hintereinander, um dann ernüchtert festzustellen, dass es irgendwie nicht gefunkt hatte. Keine Gefühle, die etwa vergleichbar mit den sogenannten Schmetterlingen im Bauch sein sollten, regten sich bei mir, ebenso wenig wie bei ihr. Das war mit zehn. Ja, wir waren jung und ich war mir sicher, dass man nicht in der Lage war, in so kindlichen Jahren die entstandenen Gefühle zu verstehen und überhaupt zu deuten. Wir beließen es dabei. Doch die ständigen Sprüche unserer Freunde, Ihr seid wie füreinander geschaffen – ihr liebt euch doch, wollt es aber nicht zugeben …, nein, eigentlich kamen sie von allen, zwangen uns erneut, es miteinander zu versuchen. Und so kam der Tag der Tage.

Es geschah im Sommer nach der Jahrgangsabschlussparty. Wir hatten definitiv viel zu viel getrunken. Karl hatte heimlich drei Flaschen Gin in die Bowle gemischt, die allen ordentlich eingeheizt und die Tanzfläche zum Glühen gebracht hatte. Gemeinsam verließen wir die Party, um völlig beschwipst im Cascade Park zu landen. Wir ließen uns in das feuchte Gras fallen, sahen damals in den Himmel und beobachteten die Sterne. Betrunken lauschten wir den Geräuschen der hinter uns liegenden Stadt. Ich erinnere mich gern daran zurück. Mein Herz schlug wild, meine Hände waren feucht. Alles fühlte sich so unbeschwert an und der Schritt, Anna nochmals zu küssen, fiel mir in diesem Zustand mehr als leicht. Ich hatte mich zu ihr gedreht, beugte mich nach vorn und ehe ich mich versah, presste sie ihre Lippen auf die meinen. Geschockt war ich zurückgewichen, denn ich wollte derjenige sein, der den ersten Schritt machte. Ich war immerhin der Mann! Doch auch dieses Mal, nachdem ich das Gefühl der Enttäuschung verdrängt hatte, war nicht mehr als nur Freundschaft zwischen uns. Kein Kribbeln, keine Schmetterlinge, nichts an romantischen Gefühlsregungen war entstanden – weder bei mir noch bei Anna. An diesem Abend schlossen wir einen Pakt, der besagte, dass wir es nie wieder versuchen würden – was wir bis zum heutigen Tag eingehalten hatten, auch wenn es erst ein halbes Jahr her war.

Mit knirschenden Geräuschen stapften wir die Straße entlang, um zur Duluth Gospel Church zu gelangen. Es war bitterkalt und es hatte erneut begonnen zu schneien. Die Buslinien ergaben sich dem vielen Schnee und nur vereinzelt quälte sich ein Auto an uns vorbei. Es würde ein elend langer Marsch werden, bis wir die Kirche erreichten, um dann weiterhin in der eisigen Kälte zu stehen und Punsch zu verkaufen, wie wir es Granny versprochen hatten.

»Jetzt sag schon! Ist es eines der Mädchen oder nicht?«

»Nein, ist es nicht.«

Meine beste Freundin kniff die Augen zusammen, als würde sie angestrengt nachdenken. »Warum kann ich dir nur nicht glauben?«

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. »Anna, oh Anna, du bist die wahre Auserwählte. Wie könnte ich jemals den Blick einem anderen Weib zuwenden. Ich liebe dich. Oh Anna, meine teuerste Annabelle ...«, neckte ich sie, damit sie endlich mit der sinnlosen Befragung aufhörte.

»Ach, hör doch auf!« Mit einem zerknirschten Lächeln wandte sie den Blick der Straße zu.

»Nein, wirklich. Ich kenne nur dich und wenn sich das nicht bald ändert, dann sehe ich uns schon vor dem ehemaligen Haus meiner Grandma sitzen – grau, alt und gebrechlich und nicht zu vergessen völlig verbittert.«

»Es gibt Schlimmeres«, wiegelte Anna ab und startete damit, sich durch den hohen Schnee zu kämpfen, den die Räumfahrzeuge auf die Gehwege geschleudert hatten.

Meine Laune sank von Sekunde zu Sekunde und langsam stieg Frust in mir auf. Ich liebte Granny und erneut ließ mich die Vorstellung daran, gleich in der Kälte zu stehen und freundlich Punsch auszuschenken, mit den Zähnen klappern. Was hatte ich mir nur dabei gedacht. Notiz an mich: Erst denken, dann antworten und vor allem das Wetter im Auge behalten! Schweigsam versuchten wir voranzukommen, kämpften uns durch den hohen Schnee. An meinem Gesichtsausdruck schien man zu erkennen, dass ich auf weitere Gespräche wenig Lust hatte. Anna kannte mich gut, sehr gut sogar. Sie erfüllte mir den Wunsch, stumm die letzten Meter zurückzulegen. Genau deshalb war sie unbestritten meine beste Freundin.

Erschöpft und halb erfroren erreichten wir den Cascade Park, der wie verwunschen, still und leise vor sich hin ruhte. Niemand schien sich an der weißen Pracht zu erfreuen, den der Winter jedes Jahr aufs Neue bescherte und die Bäume, den kleinen zugefrorenen See und die alten Holzbänke förmlich verzauberte. Während der Wintermonate, die wir hier beinahe drei Viertel des Jahres hatten, sanken die Temperaturen oft wochenlang unterhalb der Frostgrenze. Winterstürme, die manchmal bis zu dreißig Zentimeter Neuschnee brachten, waren in dieser Jahreszeit keine Seltenheit. Immer, wenn ich halb am Erfrieren war, wünschte ich mir, die Stadt Duluth zu verlassen und dem kalten Winter zu entfliehen. Doch was würde dann aus meiner Mom? Ohne dass ich mit ihr gesprochen hatte, ermutigte sie mich ständig, den Traum vom Großstadtleben umzusetzen und einen Studienplatz zu finden, der meine Fähigkeiten fördern würde. Mein innigster Wunsch war es, ein Architekturstudium zu beginnen. Als ich endlich die positive Nachricht aus Boston erhalten hatte, war die Freude meiner Mom überwältigend. Nicht nur, dass sie mich so fest an sich drückte und ich keine Luft mehr bekommen hatte, nein, sie tanzte auch durch das Wohnzimmer und schrie immer wieder: »Ich bin so stolz auf dich!« Auch mein Herz schwang das Tanzbein, doch zeitgleich zersplitterte es vor Traurigkeit. Ich würde sie in dieser Stadt allein lassen, könnte sie höchstwahrscheinlich nur an den Feiertagen und in den Semesterferien besuchen. Die Studiengebühren waren hoch und für ein Stipendium hatte es nicht gereicht. Doch ich würde alles daran setzen, so schnell wie möglich meinen Abschluss zu erlangen, um sie finanziell zu unterstützen. Ach ja, und nicht zu vergessen: Sie endlich aus den Kreisen der Reichen zu befreien.

Auch Anna hatte vor, Architektur zu studieren. Sie hatte noch ein weiteres Jahr vor sich und sich fest vorgenommen, mir dann nach Boston zu folgen. Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft aus in den langen Nächten, in denen wir zusammen telefonierten, und träumten von wilden Partys, neuen Bekanntschaften und der großen Liebe … alles Dinge, für die ich höchstwahrscheinlich keine Zeit haben würde. Mein Ziel harmonierte nur bedingt mit ihrem. Worin wir uns aber einig waren, war die Tatsache, dass wir als Nebenfach Geschichte ins Auge fassten, um vielleicht das eine oder andere Gebäude zu konstruieren, was nicht einem Legobauklotz ähnelte. Die heutige Baukunst war praktisch, ja – aber schön?

Eine Windböe riss mir die Mütze vom Kopf und holte mich augenblicklich aus meinen Zukunftsgedanken. Das Wetter raubte mir den letzten Nerv. Dabei lagen noch mehrere Monate vor mir mit Schnee, Eis und der klirrenden Kälte. Warum es ausgerechnet in diesem Jahr so verdammt belastend war, wollte sich mir irgendwie nicht erschließen. Lag es eventuell daran, dass der Sommer, der zweifelsohne keiner gewesen war, dafür gesorgt hatte? Die niedrigen Temperaturen, der viele Regen und die fehlende Sonne hatten bei allen eine furchtbar schlechte Laune hinterlassen. So stapfte ich missmutig weiter, bis eine hell klingende Stimme mich aus meinen Gedanken herausriss.

»Da seid ihr ja! Was hat denn nur so lange gedauert?!«, zischte es, als wir endlich die Duluth Gospel Church erreicht hatten. Es war meine Grandma, die sich dick eingemummelt hatte und uns anblickte, als sollte uns der nächste Blitz treffen. Ja, wir waren auf jeden Fall zu spät – aber doch nur eine halbe Stunde. Wie immer hatte Anna recht mit der Aussage, dass der Blick meiner Granny durchaus das Potenzial hätte, von einer mächtigen Hexe abzustammen. Obwohl ihre Augenfarbe stetig blasser wurde, erkannte man die eisblaue Iris und die leichten dunkelblauen Sprenkel, die sich wirr durch die Pupillen zogen. Passend dazu war ihre Miene wie versteinert, was uns ruckartig dazu veranlasste, in den Garten hinter der Kirche zu stürmen.

Der Duft gebrannter Mandeln zog in meine Nase, die ich vom Schal befreit hatte und genussvoll in die Höhe hielt. Lichter schimmerten auf die schneebedeckten Stände und eine kleine Gruppe von Frauen sang stimmungsvolle Weihnachtslieder. Übergangslos löste sich meine schlechte Laune auf und ich schlenderte summend an den Stand, der Granny zugewiesen war. Eine kleine Traube von Menschen hatte sich um die Standtische gescharrt, genoss den heiß dampfenden Punsch, der seine Wirkung nicht verfehlte. Beschwipst sangen die Männer mit und ihre Frauen tanzten zum Rhythmus der Musik. Noch zwei Gläser von Grannys berüchtigtem Glühwein und wir würden den ein oder anderen sehen, wie er auf die kleine Bühne stürmte, lauthals in die Musik einstimmte und das Tanzbein zu schwingen versuchte.

Es war eine heitere Atmosphäre, die sich ausgebreitet hatte und mich augenblicklich in Weihnachtsstimmung versetzte. Normalerweise liebte ich die Weihnachtszeit: das Funkeln der Lichter, den besonderen Zauber und die ganzen Düfte, die jene Jahreszeit mit sich brachte. Doch komischerweise nahm sie mich dieses Jahr nicht gefangen, was mich wirklich langsam begann zu stören. Nachdenklich streifte ich Anna, die sich angeregt mit einem Schulkameraden unterhielt. Was machte sie da? Sie befeuchtete immer wieder verführerisch ihre Lippen, drehte eine ihrer Locken um den Finger und lächelte dabei aufreizend. Victoria Annabelle Johnson flirtete, schäkerte mit einem Jungen. Ich fing an, die beiden unauffällig zu beobachten, bis ich von Granny dabei unterbrochen wurde.

»Was starrst du denn so?«, schoss es aus ihr heraus. »Wenn du dich mehr anstrengen würdest, dann wäre Anna längst deine Freundin.«

»Granny, wir sind nur befreundet und nicht verliebt. Das habe ich dir doch schon erzählt.«

»Das heißt noch lange nicht, dass es auch so ist!« Sie wandte sich einem Kunden zu, der zwei Becher Punsch bestellte und ihr zuzwinkerte.

»Vielleicht solltest du dich lieber auf dein Liebesleben konzentrieren.« Der Mann nickte mir bestätigend zu und lächelte trotz der genervten Miene meiner Großmutter, die ihm schroff das Restgeld in die Hand drückte.

»Mein lieber Junge, schau dir doch einmal die ganzen alten Knacker hier an! Sie haben Gehhilfen, Krückstöcke und kaum noch Haare auf dem Kopf. Sie zittern und können knapp laufen. Was soll ich mit so jemandem anfangen?« Sie schüttelte ihren Kopf und wandte sich von mir ab.

Granny hatte recht. Hier auf dem Hinterhof war niemand in ihrem Alter, der nur annähernd imstande war, ihr das Wasser zu reichen, obwohl es wirklich äußerst nette Männer in der Gemeinde gab, aber eben körperlich stark eingeschränkt. Die Mutter meiner Mom war für ihr Alter ausgesprochen fit und das, obwohl sie vor zwei Monaten ihren dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Zwangsläufig musste ich an Fritz denken, der ihr einst seine Liebe offenbarte. Sie waren sich nähergekommen, begannen eine Liaison und dann hatte er ihr das Herz gebrochen ... na ja, in Wirklichkeit war es seine Tochter, die beiden das Herz herausgerissen hatte, indem sie ihren Vater zwang, in ein Seniorenheim zu ziehen, das sich unweit von ihrem Zuhause befand. Dennoch stieg bei dem Gedanken Wut in mir auf. Fritz war ein gestandener Mann, hatte viele Jahre in der US-Armee gedient und Kriege überlebt, um dann von seiner Familie ohne Weiteres so verpflanzt zu werden. Es gab keinen Abschied, nicht einmal eine kurze Nachricht seinerseits.

»Jetzt steh doch nicht so in der Gegend herum! Mach dich an die Arbeit!«, befahl die Frau, die mich mit ihren eisblauen Augen anfunkelte.

Es war ein harter Tag, den wir nun langsam beenden durften. Die Sonne, die sich für ein paar Stunden aus der dichten Wolkendecke befreien konnte, hatte uns zwar ein wenig Wärme geschenkt, aber eben nicht genug. Meine Füße waren halb erfroren und ich spürte kaum noch die Zehen – nein, ich verspürte ab der Hüfte nichts mehr außer Eiseskälte. Auch Anna war am Ende ihrer Kräfte. Sie zitterte und drückte sich fest an mich in der Hoffnung, ausgerechnet ich könnte sie wärmen. Sie wusste genau, dass Kälte sich an mir festbiss wie ein tollwütiger Hund und mich bis in den Sommer nicht wieder loslassen würde. Also bibberten wir beide um die Wette. Granny war damit beschäftigt, den Stand für den nächsten Tag vorzubereiten und sah uns tadelnd an. Erneut keimte das Gefühl in mir auf, dass sie durchaus dem Hexenzirkel angehörte, der angeblich noch immer in der Stadt sein Zuhause hatte.

»Ihr könnt jetzt gehen, den Rest schaffe ich allein. Nimm mein Auto, Lee, und bring das arme Ding nach Hause, bevor sie mir hier erfriert.«

»Bist du sicher, Granny?«

»So soll es sein. Macht euch auf den Weg!«

Genau in diesem Moment klingelte mein Telefon in einem schrillen Ton, was mich beinahe zu Tode erschreckte, denn eine seltsame Aura umgab meine Großmutter. Wie in Trance griff ich in die Jackentasche und zog das Handy heraus. Wie in den Bann gezogen, starrte ich Granny an und das Lächeln, das sich nun auf ihrem Gesicht zeigte, ließ mir das Herz in die Hose rutschen.

»Willst du nicht rangehen?«, flüsterte Anna, die ebenfalls nicht in der Lage war, ihren Blick von meiner Großmutter zu lösen.

»Hallo?«

»Lee, bist du noch bei Granny?«, erklang die Stimme meiner Mom und schlagartig wurde ich aus dem seltsamen Vakuum herauskatapultiert, das mich eingesaugt hatte. »Kannst du sie um ihr Auto bitten und mich vielleicht von den Andersons abholen? Leider fahren die Busse nicht und zu Fuß wäre ich Stunden unterwegs.«

»Granny hat mir das Auto schon zugesagt. Anna und ich holen dich gleich ab.« Ohne ein weiteres Wort legte ich auf und sah zu meiner Großmutter, die mich seltsam anlächelte.

 

»Nun geht endlich. Deine Mutter wartet!« Sie wandte sich ab, begab sich in die Duluth Gospel Church und ließ uns nachdenklich zurück.