Schnipsel - Leseproben

Schnipsel 1

Ein eisiger Wind peitschte Luce ins Gesicht. Schmerzen hatten sich unterhalb ihrer Brust ausgebreitet und in ihrem Kopf herrschte eine tiefe, nur von der Erinnerung an die rot glühenden Augen durchbrochene Dunkelheit. Stimmen, die jämmerlich wimmerten, das Rasseln der Ketten und ein dumpfer Aufprall hallten in ihren Ohren, bis der Ruf ihrer Mutter alles übertönte.

»Suche die Artefakte. Die Zwerge, die Meerjungfrauen und auch die Elben werden dir helfen ...«

Mit aufgerissenen Augen schoss Luce aus dem schwarzen Nichts nach oben.       


Schnipsel 2

Luce fand sich in einem wunderschönen duftenden Garten wieder. Blumen, fein säuberlich in Beete gepflanzt, leuchteten in den verschiedensten Farben. Der Rasen war mit vielen kleinen, weißen Knospen geschmückt und in das satte Grün eingebettet. Große, alte Weidenbäume, die den Garten säumten, wiegten im Wind leicht hin und her. Schmetterlinge flogen über die Blumen hinweg, die Vögel zwitscherten eifrig ihre klangvollen Lieder. Alles war von einem weichen, zartrosa glitzernden Schleier überzogen, sodass sie zu schweben glaubte. Lautes Kinderlachen wehte durch die Luft: Die Atmosphäre wirkte friedlich, unbeschwert und auf eine sonderbare Art vertraut.

Schnipsel 3

»Ich weiß es nicht.« Er sah nachdenklich ins Feuer. »Aber eines ist mir schleierhaft: Warum wolltest du mich verführen? Was hatte es mit dem Auftrag zu tun?«

»Das ist es, was dich also interessiert?« Finmé lachte, rückte näher an ihn heran und berührte seine Hand.

Ihre Lippen bewegten sich auf die seinen zu und ihre Augen leuchteten dabei verführerisch, bis beide durch ein lautes Geräusch hochschnellten. Es war ein Knurren, gepaart mit krächzenden Schreien, das vom Höhleneingang näherkam. Sofort nutzte Jason seine Fähigkeit des Im-Dunkeln-Sehens, zog geistesgegenwärtig sein Schwert und schob Finmé hinter sich. Das absonderliche Kreischen dröhnte abermals in der Höhle. Ein mulmiges Gefühl ergriff seinen Körper. Dennoch kam er nicht umhin, sich dem Tier, oder was es auch immer war, entgegenzustellen. Sie waren gefangen – gefangen in einer Höhle, aus der nur ein Weg hinausführte. Und auf diesem näherte sich die Bedrohung.

Schnipsel 4

»Ich bin da, Kleines.«

Die Zeit, so schien es ihr, war stehen geblieben, die Welt hörte auf, sich zu drehen, die Luft gefror und die Stimmen versiegten. Mit zittrigen Händen tastete sie in die Dunkelheit und spürte ein Herz, das heftig schlug. Sie sog den Geruch, der ihr derart vertraut war und den sie so liebte, tief in sich ein. Ihre Knie wurden weich, sie sank zusammen. Doch jemand fing sie auf und zog sie an sich. Die Berührung durchfuhr sie wie ein Blitzschlag und ihr wurde sofort klar: Es konnte nur Jason sein – ihr Jason, von dem sie befürchtet hatte, er sei tot und dass sie ihn nie wieder sehen würde: Von dem sie angenommen hatte, dass er sie niemals mehr in den Armen halten werde. Ihre Hände fuhren sanft über seinen Körper, hinauf zu seinem Gesicht. Mit den Fingerkuppen strich sie über die eisige Haut, schreckte kurz zurück, um sich im selben Moment seinem Mund zu nähern. Berührte mit ihren Lippen die seinen: zart und bedenkenlos.